In der kommenden Woche sind wir mit dem Pfarrkonvent in Lenzen (der eine oder die andere GKRler*in wird sich erinnern) und das Thema, wie es mit unserer Kirche weitergeht, lässt uns nicht los. Also haben wir Steffen Bauer eingeladen, er forscht und publiziert seit Jahren zu dem Thema, wie sich Kirche verändern kann. Dabei steht als Überschrift auf seiner Webseite die Frage: „Transformation by Design or by Disaster?„ Also planen wir die Veränderungen oder warten wir bis die Katastrophe über uns hereinbricht. Dass eine Transformation nötig ist, schreibt er hier – ebenfalls auf seiner Webseite.
Für die Vorbereitung der Fahrt liegt uns übrigens ein Artikel von ihm aus dem Deutschen Pfarrerinnen und Pfarrerblatt vor, welchen ich unten nur zusammenfassend darstellen kann. Falls jemand den gesamten Artikel lesen möchte, verleihe ich gerne mein Exemplar.
Damit wir aber nicht nur theoretisch arbeiten, werden wir mit den Kolleg*innen auch an einem Tag mit dem Fahrrad die 20km von Lenzen nach Wittenberge fahren und dort „Marthas Tisch“ kennenlernen. Ein Dritter Ort in einer ehemaligen Bäckerei, der u.a. von Familie Flade, die auch einige Jahre in Groß Schönebeck wirkte, gegründet wurde.
1. Ein Blick auf den Gesamtzusammenhang
- Doppelte Herausforderung: Die Kirche muss stets zwei Seiten zusammendenken: Kirchenentwicklung (Wie wollen wir Kirche sein?) und Ressourcensteuerung (Wo müssen wir einsparen?).
- Verschärfter Druck: Der Einspardruck hat seit 2021 stark zugenommen und zeigt sich in Vakanzen (Personalmangel) und Geldnot.
- Dramatischer Mitgliederschwund: Die Prognose einer Halbierung der Mitgliederzahlen (von 21,5 Mio. im Jahr 2017 auf ca. 10,5 Mio.) wird bereits um 2040 erwartet (statt 2060).
- Gebäude & Klimaschutz: Immer weniger Gebäude lassen sich aus Kirchensteuern finanzieren. Gesetzliche Klimaschutzvorgaben verschärfen die Finanzlage extrem (z. B. Investitionsbedarf von rund 900 Mio. Euro in der Nordkirche).
- Gemeinsame Trends in den Landeskirchen:
- Stärkung der mittleren Ebene (Kirchenkreise/Dekanate).
- Förderung der „Regio-Lokalen Kirche“ durch Kooperations- und Nachbarschaftsräume.
- Entstehung neuer/digitaler Gemeindeformen.
- Rückgang eigenständiger Kirchengemeinden (Körperschaften des öffentlichen Rechts) zugunsten kirchlicher Ortsgemeinden.
- Pflicht zur verbindlichen Teamarbeit für Hauptamtliche.
- Verwaltungsreformen (Digitalisierung, Standardisierung) zur Entlastung.
2. „Nur optimieren“ vs. „Schon transformieren“
- Zeithorizont weiten: Notwendig ist ein Blick über 2030 hinaus (z. B. auf 2035). Landeskirchen wie Bayern rechnen bis 2035 mit ca. 40 % weniger Mitgliedern, Kaufkraft und Personal sowie 50 % weniger Gebäudemitteln.
- Der Unterschied:
- Optimieren: Prozesse anpassen, Aufgaben umverteilen, Sparvorgaben im bestehenden System abarbeiten – Kultur und Grundstruktur bleiben unverändert.
- Transformieren: Das System in Struktur, Kultur und Leitung grundlegend erneuern. Dies erfordert eine echte Veränderung der Haltung („Wer müssen wir werden, um zukunftsfähig zu bleiben?“).
- Fazit: Eine bloße Optimierung greift zu kurz; es geht um die Wahl zwischen „Transformation by Design“(proaktiv gestaltend) oder „Transformation by Desaster“ (reaktiv/disruptiv).
3. Entwicklungen in den Kirchenkreisen und Landeskirchen
Zusammenfassung des Beitrags „Transformation proaktiv gestalten“ von Steffen Bauer (Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt, Ausgabe 3/2026)
- Trägheit der Landeskirchen: Auf Ebene der 20 Landeskirchen gibt es kaum echte Transformation; Beharrungskräfte verhindern tiefgreifende Reformen oder Fusionen auf Spitzenebene.
- Aufbrüche an der Basis (Kirchenkreise):
- Beispiel Baden: Nutzt bereits seit zwei Jahrzehnten Fusions- und Großgemeinde-Modelle auf Ebene der Stadtkirchenbezirke.
- Initiativen von unten: Kirchenkreise wie Lübeck-Lauenburg, Essen, Düsseldorf oder Dortmund streben Zusammenschlüsse zu größeren Körperschaften an, um Verwaltungsballast abzubauen und mehr Zeit für spirituelle, geistliche und soziale Arbeit vor Ort zu gewinnen.
- Verordnete Strukturveränderungen:
- In vielen Landeskirchen wird die Zahl der Kirchenkreise/Dekanate und Gemeinden stark reduziert (z. B. Reduzierung der Propsteien in Braunschweig von 11 auf 4 bis 2030; in der Pfalz von 15 auf 4 Bezirke bis 2029).
- Kulturelle Herausforderungen & Machtfragen:
- Die Umwandlung von Ortsgemeinden löst oft Ängste vor Machtverlust, Entmachtung oder „Enteignung“ aus.
- Strukturreformen gelingen nur, wenn Vertrauen und eine Ermöglichungskultur gelebt werden (ein Positivbeispiel sind die bereits erprobten Kita-Verbünde, bei denen die Verwaltung zentralisiert, die inhaltlich-pädagogische Arbeit aber vor Ort blieb).
- Aufgabenkritik und Entlastung: Hauptamtliche verbringen viel zu viel Zeit mit Verwaltung (z. B. über 14 Stunden/Woche bei Pfarrer:innen in Bayern). Ziel muss es sein, Bürokratie und Genehmigungsvorbehalte abzubauen, um wieder Kapazitäten für den eigentlichen Auftrag der Kirche frei zu machen.

