„Wenn die Not Worte verschlingt“ heißt eine kleine Handreichung zur Notfallseelsorge, die ich einmal bei meinem Vater aus dem Bücherregal mitnehmen durfte.
Rahel-Christin Drewanz, Sozialpädagogin in der ev. Kirchengemeinde Basdorf-Wandlitz-Zühlsdorf https://www.kirche-barnim.de/presse/moment-mal/archiv
Wenn Redaktionsschluss für diese Kolumne ist, wird der schreckliche Unfall auf einer Landstraße, bei dem vier Jugendliche aus der Region ums Leben gekommen sind, eine Woche her sein.
Die Not hat seitdem vieles verschlungen. Worte waren durchaus übrig; wir haben viel geredet in den letzten Tagen.
Doch in mir hallen noch andere Geräusche nach:
Diese Stille, durch die ein leiser Pfeifton dringt, wenn man Unvorstellbares hört. Gefolgt vom Rauschen des eigenen Blutes in den Ohren.
Diese Stille in der Nacht, wenn man im Bett liegend in die Welt horcht. Reifen auf regennasser Fahrbahn. Etwas Wind in den Bäumen.
Diese Stille in der Kirche. Obwohl unter ihrem Dach gerade über tausend Herzen schlagen.
Ich höre Handyklingeln und das Brummen vom Vibrationsalarm. Hastiges Suchen in der Tasche.
Stühle schurren. Sachtes Klopfen und vorsichtig geöffnete Türen.
Eilig aufgestoßene Türen.
Ich höre Kinderlachen. Ja stimmt, es geht da draußen ja doch der Alltag einfach weiter.
Ich höre das Zischen von Streichhölzern, ich höre wie kleine Glassteine in ein Wassergefäß fallen.
Ich höre das Rascheln einer Süßigkeitentüte – Nervennahrung prasselt auf den Tisch.
Ich höre den Schulgong, der an alte Struktur erinnert.
Ich höre Taschentuchpackungen knistern, ich höre Schnauben, ich höre Schluchzen.
Ich höre wie Menschen tief durchatmen. Wieder und wieder.
Ich höre wie Menschen Luft zwischen zusammengepressten Zähnen zischend einsaugen.
Ich höre ein Moped knattern.
Ich höre die Kirchenglocken läuten.
Ich höre Worte aus einer Übertragung des 73. Psalms: „Gott, bei dir suche ich Trost und Halt, denn meine Füße straucheln, und ich falle in die Tiefe, mein Tritt geht ins Leere. Ich habe jeden Halt verloren. So viel Trauer und Leid, es tut so weh in meinem Herzen…“
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